Vor 75 Jahren begannen die Deportationen der Juden, die im Reichsgebiet geblieben waren, in die Gettos und Vernichtungslager im Osten. Insbesondere über die regionalen Vorgänge, das Schicksal der Deportierten und die beteiligten Verfolgungsbehörden ist bislang wenig bekannt. Für uns ist dies Anlass, den diesjährigen Lerntag zum Gedenktag an die Opfer des Holocaust diesem Thema zu widmen.

Vorgänge wie die Deportation der jüdischen Bevölkerung ab Herbst 1941 waren Teil eines übergeordneten politischen Geschehens, dessen Betrachtung wichtig ist, um die Zusammenhänge zu erkennen. Gleichzeitig sind die konkreten Abläufe aufschlussreich, damit die Ereignisse anschaulich werden. Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten versucht mit einem biografisch angelegten Internet-Projekt beide Aspekte zu verbinden. Exemplarische Lebensgeschichten führen dabei insbesondere vor Augen, wie sehr die Durchsetzung der antisemitischen Politik auf gesellschaftliche Akzeptanz und das Mitmachen Vieler angewiesen war, um in ihrem Sinne erfolgreich zu sein.
Dr. Jens Binner, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, stellt in einem ersten Beitrag den Ablauf der Deportationen im nordwestdeutschen Raum in seinen Grundzügen vor und erläutert Konzeption, Umsetzung und Perspektiven des Internet-Projektes (http://geschichte-bewusst-sein.de/materialien-im-ueberblick/ deportationen-aus-nordwestdeutschland/biografien/).

Unter den 1001 bereits am 15.12.1941 aus Hannover Deportierten waren etliche, die in den Jahren zuvor aus Orten der Umgebung dorthin gezogen waren, weil sie sich in der Anonymität der Großstadt einen besseren Schutz erhofften. Zu ihnen gehörten die Familien Neuburger und Mindus aus Helmstedt.
Ihrem Schicksal geht Susanne Weihmann nach. Ausgehend von Zeitzeugeninterviews (darunter auch mit Personen, die damals noch Kinder waren) und Archivrecherchen zeichnet sie die persönliche und wirtschaftliche Ausgrenzung der beiden Familien nach, ihren sozialen Abstieg vom Ladenbesitzer und Viehhändler zum einfachen Arbeiter sowie ihren Weg von einem bürgerlich guten Leben in eine gettoähnliche Unterkunft und materielle Not.
Letzte persönliche Nachrichten des Mädchens Carla Mindus stammen aus der Zeit, als sie bereits in einem Judenhaus lebte. Fast alle Helmstedter Deportierten sind in Riga umgekommen. Während sie dort noch um ihr Leben kämpften, kümmerten sich Finanzbeamte und Vermieter um die Verwertung des zurückgelassenen Vermögens.
Die Umstände, unter denen die Angehörigen der Familien den Tod fanden, bleiben im Dunkeln. Nur Werner Neuburger ist zurückgekehrt.

In Braunschweig wurde der erste Transport am 31.3.1942 zusammengestellt. Am Folgetag traf dieser im Getto Warschau ein. Betroffen waren jüdische Familien und Einzelpersonen, die in den Vorjahren nicht emigrieren konnten oder dieses (u.a. wegen ihres Alters) nicht wollten. Auch hier ist das weitere Schicksal der mehr als vierzig Deportierten ungeklärt und kann nur im Einzelfall nachvollzogen werden.
Gut dokumentiert ist aber das Bemühen der Behörden um die letzten Besitztümer der Deportierten. Frank Ehrhardt beschreibt auf Grundlage der Akten der Finanzverwaltung die Verfahren der Verwertung und stellt damit auch die Frage, wie öffentlich die Vorgänge waren.

Wir laden Sie ein, mit uns die Ergebnisse der unterschiedlichen Projekte zu besprechen und gemeinsam ein Bild des regionalen Geschehens zu gewinnen. Die Moderation der Veranstaltung übernimmt Rebekka Denz. Eine Kaffeepause wird eingeplant.

Sonntag, den 29.1.2017, 14 – 17.30 Uhr

Wir freuen uns auf Ihr Interesse und bitten um eine Anmeldung
(Tel. 0531 / 270 25 65 oder gedenkstaette.schillstrasse@braunschweig.de ), da die Zahl der Sitzmöglichkeiten begrenzt ist.

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Das gemeinsame Essen zum Abschluss des Jahres findet diesmal am

Montag, 28.11.2016,19.00 Uhr
im Restaurant Mediterraneo, Bertramstraße 54
statt.

Da Salvatore Capitummino extra für uns öffnet, erlaubt die Küche keine Bestellung à la carte, sondern es wird ein Buffet mit Antipasti und Pasta vorbereitet. Bitte geben Sie eine Rückmeldung (Tel. 0531 18957 AB), um die Anzahl der Essen einschätzen zu können.


Die für den 19.11. geplante Führung in der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel kann leider an diesem Tag nicht stattfinden.

Die Möglichkeit, sich die sehenswerte Neugestaltung kompetent durch Martina Staats erläutern zu lassen, besteht nun am
Samstag, den 3.12.2016, um 14.00 Uhr.
Bitte melden Sie Ihr Kommen unter gedenkstaette.schillstrasse@braunschweig.de oder Tel. 0531 2702565 bis zum 20.11. an. Wir benötigen für den Zugang Namen und Geburtsdatum. Ihren gültigen Personalausweis müssen Sie mitführen.
Wir freuen uns auf Ihre Beteiligung.


Der Jahrestag des Novemberpogroms gibt Anlass, die lokalen Vorgänge der Judenverfolgung vor 79 Jahre in einer Veranstaltung aufzugreifen.

Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße,
Donnerstag, 10.11.2016, 19.00 Uhr

 
Prof. Dr. Michael Wettern schildert in einem Vortrag das Schicksal von Sidonie Cohn, einer Geschäftsfrau und Witwe, der Vermögen, Geschäfts- und Wohneigentum genommen wurde, die in ein „Judenhaus“ umziehen musste und 1943 im Alter von 81 Jahren nach Theresienstadt deportiert wurde.
Dr. Hans-Ulrich Ludewig macht mit einem wenig bekannten Akteur bei der Ausplünderung der Juden bekannt: der Handels- und Handwerksorganisation der Partei, der NS-Hago. Diese betrieb in Braunschweig die Verdrängung jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender in den Anfangsjahren der NS-Herrschaft sehr aktiv, bevor Gestapo und Finanzämter diese Aufgabe übernahmen.

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